Es fiel mir zufällig in die Hände. Vergraben hatte es lange Zeit in der Dunkelheit eines Schrankes geruht. Jetzt lag das Büchlein vor mir, und wie kosend strichen Sonnenstrahlen darüber. Der Einband aus rotem Velours war an einigen Stellen verschlissen, doch die Seiten, die er umschloss, sahen aus wie unberührt. Meine Augen wanderten über die Zeilen auf dem feinen, weißen Papier. Seite um Seite öffnete ich mit seligem Erschauern. Wie aus weiter Ferne schauten mich die Begleiter meiner frühen Schuljahre an. Vor sehr langer Zeit hatten sie mir säuberlich Denksprüche in dieses Buch geschrieben. Manches Blatt zierten auch Zeichnungen oder eingeklebte Glanzbilder. Fast in der Mitte traf ich auf die Widmung meiner ersten Lehrerin. Ihr Wesen war so weich wie es die Linien ihrer Schrift waren. Ich liebte diese Frau, die uns dereinst in die Geheimnisse des Alphabets einweihte. Auch den Worten meines Großvaters begegnete ich. Es fiel mir schwer, sie zu entziffern, denn er hatte sie in Sütterlinschrift verfasst. Die letzten Seiten waren leer. Mein Poesiealbum war unvollendet. Warum? Ich konnte mich nicht darauf besinnen.
Es vergingen Stunden, denn immer und immer kehrte ich zu den Seiten zurück. Dabei erhob sich meine Vergangenheit so lebendig, als sei sie Gegenwart. Mir schien, als brauchte ich nur die Hand auszustrecken, um alle jene zu berühren, deren Einträge vor mir lagen. Als ich mich endlich von dem Album trennte, war mir bewusst geworden, dass dieses kleine Buch mit dem verschlissenen, roten Einband zu meinen kostbarsten Besitztümern zählt.
ja ich hüte mein Poesiealbum auch in allen Ehren. Einer meiner alten Freunde ist mir immer noch geblieben. Der andere schon viele Jahre an Krebs gestorben.
#7 | RE: Das Büchlein06.01.2017 11:52 (zuletzt bearbeitet: 06.01.2017 12:09)
Barbara Kopf
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gelöscht
)
Ein sehr schöner Beitrag. Mein Poesiealbum ist in den Wirren des Krieges verschollen, leider. Wer noch dieses Erinnerungsbuch hat, ist glücklich zu schätzen, er ist darin noch mit seiner Kindheit verbunden.
#8 | RE: Das Büchlein06.01.2017 16:46 (zuletzt bearbeitet: 06.01.2017 18:57)
Marga
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gelöscht
)
Liebe Jutta,
mein Poesiealbum ist leider verschwunden. Mmm, vielleicht - wenn ich mal den Dachboden gründlich absuche. ----- Zwei Einträge habe ich aber nicht vergessen, meine Mutter schrieb damals vor ??? Jahren: "Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück. Denn die Freude die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück. Das stand bestimmt in sehr vielen Büchern. Mein Vater schrieb: Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab .... daran wollt ich doch noch gar nicht denken. Manche Sachen vergisst man eben nicht.
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